Audi 100/200 Typ 44 Lenkgetriebe ausbauen und einbauen – Servolenkung wechseln

Lenkgetriebe / Servolenkung ausbauen und einbauen

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Gilt für

Diese Anleitung beschreibt den Ausbau und Einbau des Servolenkgetriebes beim Audi 100/200 Typ 44.

Die Hinweise sind auch für verwandte Audi-Modelle (Audi 100 C4, Audi V8) mit vergleichbarer Zentralhydraulik und ähnlichem Lenkgetriebe hilfreich. Unterschiede bei Anschlüssen, Leitungen und Lenkgetriebeausführung sind unbedingt zu beachten.

Siehe auch:

Warnung

Der Ein- und Ausbau des Lenkgetriebes ist sicherheitsrelevant.

Fehler beim Einbau können zum Versagen der Lenkung führen. Wer sich hier nicht absolut sicher ist, sollte die Arbeit einer Fachwerkstatt überlassen.

Besonders kritisch sind:

  • Verbindung zwischen Lenkgetriebe und Lenksäule
  • Befestigung des Lenkgetriebes am Fahrzeug
  • Sicherungsblech am Spurstangenreiter
  • Hydraulikleitungen und Dichtringe
  • korrektes Hydrauliköl
  • Dichtigkeit und Entlüftung nach dem Einbau

Vorab prüfen

Bevor das Lenkgetriebe ausgebaut wird, sollte klar sein, warum es heraus soll.

Typische Gründe:

  • Lenkgetriebe undicht
  • Manschette defekt und Öl im Faltenbalg
  • Spiel im Lenkgetriebe
  • schwergängige Lenkung
  • beschädigte Hydraulikleitungen
  • Austausch gegen gutes gebrauchtes Lenkgetriebe
  • Reparatur / Abdichtung des vorhandenen Lenkgetriebes

Wenn das Lenkgetriebe nur undicht ist, kann eine Abdichtung möglich sein:

Unterschiedliche Anschlüsse der Servolenkung

Es gibt Servolenkungen mit unterschiedlichen Anschlüssen der Hydraulikleitungen.

Im Jahr 1988, ab Fahrgestellnummer `44-J-233 000`, wurden die Lenkgetriebe auf Anschlüsse mit Flansch und O-Ringen umgestellt. Vorher wurden Ausführungen mit Dichtscheiben bzw. Kupferringen an den Hohlschrauben verwendet.

Die Teilenummern der betreffenden Lenkgetriebe blieben dabei teilweise gleich. Deshalb reicht die Teilenummer allein nicht immer aus.

Alte und neue Anschlussausführung

Die alten Lenkgetriebe haben etwas eingelassene Dichtflächen.

Die neueren Lenkgetriebe für O-Ring-Flanschanschlüsse schließen plan mit dem Gehäuse ab.

Problematisch wird es, wenn Leitungen und Lenkgetriebe nicht zusammenpassen:

  • alte Leitungen an neuem Lenkgetriebe können unter Umständen mit passenden Dichtscheiben funktionieren
  • neue O-Ring-Flanschleitungen an altem Lenkgetriebe sind kritisch
  • bei vertiefter Dichtfläche werden O-Ringe nicht ausreichend gepresst
  • falsche Kombination erkennt man oft erst daran, dass Öl ausläuft

Als Notbehelf wurden je Verschraubung Kupferringe `14x20 mm` zwischengelegt. Das ist keine saubere Ideallösung, kann aber im Einzelfall das erneute Ausbauen eines gerade montierten Lenkgetriebes vermeiden.

Unterschiedliche Lenkgetriebe-Ausführungen

Es gibt verschiedene Lenkgetriebe mit unterschiedlichen Rückstellkräften.

Vereinfacht:

  • Fronttriebler und Komfortmodelle lenken leichter
  • Quattro-Lenkgetriebe haben höhere Rückstellkräfte
  • mechanisch sind die Ausführungen grundsätzlich kompatibel
  • auf Teilenummer und Buchstabenkombination achten

Typische Teilenummer:

`443 422 065` plus Buchstabenkombination, z.B. `GX`, `HX`, `LX`, `L`

Beim Einbau eines gebrauchten Lenkgetriebes immer Anschlüsse, Leitungen und Ausführung prüfen.

Ausbauweg

Das Lenkgetriebe wird durch die rechte Spurstangenöffnung im Radhaus ausgebaut.

Zum Ausbau und Einbau sind zwei Personen sinnvoll, weil das Lenkgetriebe im Motorraum geführt, gedreht und an Kabelbaum, Spritzwand und Durchführungen vorbeigefädelt werden muss.

Erfahrungswert aus der ursprünglichen Anleitung:

  • Ausbau ca. 4 Stunden
  • Einbau ca. 5 Stunden

Das ist kein schneller Nebenbei-Job.

Vorbereitung

Sinnvoll vor Arbeitsbeginn:

  • Fahrzeug vorne sicher aufbocken
  • beide Vorderräder abnehmen
  • Arbeitsbereich gründlich reinigen
  • Hydrauliköl-Auffangbehälter bereitstellen
  • ausreichend Lappen bereitlegen
  • neue Dichtringe / O-Ringe besorgen
  • Zustand der Druckschläuche prüfen
  • geeignetes Hydrauliköl bereithalten
  • Anschlussbelegung der Hydraulikleitungen dokumentieren

Sauberkeit ist wichtig. Schmutz im Hydraulikkreislauf kann Schäden verursachen.

Siehe auch:

Benötigtes Werkzeug

  • 2 Unterstellböcke
  • gekröpfte Ringschlüssel SW19, kurz und lang
  • Ring-Gabelschlüssel SW13
  • kleine Ratsche mit 10-mm-Nuss
  • Kreuzschraubendreher
  • Zange
  • Schlosserhammer
  • Auffanggefäß für Hydrauliköl
  • viele Putzlappen
  • neue Schlauchschellen
  • neue Dichtringe / O-Ringe für Hydraulikleitungen
  • ggf. Reparatursatz für Lenkgetriebe
  • idealerweise Grube oder Bühne

Siehe Reparatur:

Ausbau der Servolenkung

1. Fahrzeug vorbereiten

  1. Fahrzeug vorne aufbocken.
  2. Beide Vorderräder abnehmen.
  3. Fahrzeug sicher abstützen.

Nicht nur auf dem Wagenheber arbeiten.

2. Hydrauliköl ablassen

  1. Leitung am Druckspeicher lösen.
  2. Hydrauliköl in geeignetem Gefäß auffangen.
  3. Ausgelaufenes Öl direkt abwischen.

Beim späteren Befüllen nur geeignetes Hydrauliköl verwenden. Kein normales HLP 46 verwenden.

Siehe:

3. Hydraulikbehälter ausbauen

  1. Drei Muttern an der Spritzwand lösen.
  2. Behälter mit Halteblech ausbauen.
  3. Hydraulikleitungen am Behälter abnehmen.
  4. Anschlussbelegung merken oder fotografieren.

Vorsicht: Die Stutzen am Behälter können leicht brechen.

4. Spurstangen am Reiter lösen

  1. Sicherungsblech am Reiter umbiegen.
  2. Spurstangen abschrauben.
  3. Schrauben danach wieder in den Reiter schrauben.

Die Spurstangen selbst bleiben am Federbein mit den Spurstangenköpfen verschraubt.

Also nicht die Spurstangenköpfe am Federbein lösen, wenn es nicht nötig ist.

Siehe auch:

5. Hydraulikleitungen am Lenkgetriebe lösen

  1. Hydraulikleitungen hinten am Lenkgetriebe mit SW19 lösen.
  2. Öl auffangen.
  3. Leitungen beiseitelegen.
  4. Anschlüsse gegen Schmutz schützen.

Das ist eng und fummelig. Von unten und mit passendem gekröpftem Ringschlüssel geht es am besten.

Reihenfolge aus der ursprünglichen Anleitung:

  • hinteren Anschluss zuerst lösen
  • Öl auffangen
  • Bereich reinigen

6. Verbindung Lenkgetriebe / Lenksäule lösen

Im Fahrerfußraum muss die Verbindung zwischen Lenkgetriebe und Lenksäule gelöst werden.

Dazu:

  1. Ablage unter dem Lenkrad ausbauen.
  2. Heizungskanal ausbauen.
  3. Klemmschraube mit SW13 lösen.
  4. Mutter mit SW13 gegenhalten.

Je nach Bauart:

  • Vorfacelift ohne Procon-Ten: unteres Lenkspindelstück kann direkt vom Lenkgetriebe abgezogen werden
  • Nachfacelift mit Procon-Ten: Hardy-Scheibe durch Lösen zweier Muttern trennen

Das ist eine unbequeme Arbeit. Geduld einplanen.

7. Lenkgetriebe am Fahrzeug abschrauben

  1. Beifahrerseite: Sechskantschraube SW13 lösen, Mutter von unten gegenhalten.
  2. Fahrerseite: zwei Schrauben am Radhaus lösen.
  3. Durch die linke Spurstangenöffnung greifen.
  4. Gummilappen entfernen, das erleichtert den Zugang.

Gummilappen am besten auf beiden Seiten entfernen.

8. Lenkgetriebe ausfädeln

Jetzt wird es eng.

  1. Lenkgetriebe durch Rütteln von der Lenksäule trennen, falls es nicht bereits innen getrennt wurde.
  2. Kabelbinder am Kabelbaum in der rechten hinteren Motorraumecke öffnen.
  3. Kabelbäume nacheinander am Lenkgetriebe vorbeiführen.
  4. Lenkgetriebe leicht verkanten.
  5. Linke Seite nach vorn verschieben.
  6. Lenkgetriebe vorsichtig zur rechten Spurstangenöffnung führen.
  7. Auf dem Spurstangenkopf ablegen.
  8. Durch Drehen und Führen aus der rechten Öffnung herausnehmen.

Das Lenkgetriebe passt nur in einer bestimmten Stellung durch die Öffnung. Mehrere Anläufe sind normal.

Wenn das Lenkgetriebe draußen ist:

  • abdichten / reparieren
  • gegen ein anderes tauschen
  • Manschetten und Leitungen prüfen

Siehe:

Einbau der Servolenkung

Der Einbau erfolgt grundsätzlich in umgekehrter Reihenfolge. Trotzdem gibt es ein paar kritische Punkte.

1. Lenkgetriebe einsetzen

  1. Lenkgetriebe durch die rechte Spurstangenöffnung in den Motorraum einführen.
  2. Spurstange dabei mitdrehen.
  3. Drehkolbenventil sorgfältig zur Spritzwanddurchführung führen.
  4. Lenkgetriebe korrekt ausrichten.

Nicht mit Gewalt gegen Spritzwand, Kabelbaum oder Hydraulikleitungen drücken.

2. Verbindung zur Lenksäule herstellen

Die Lenksäule muss sauber auf den Anschluss am Lenkgetriebe aufgeschoben werden.

Je nach Ausführung:

  • unterer Lenksäulenstummel auf verzahnte Spindel aufstecken
  • zweiteilige Lenksäule ohne Procon-Ten wieder einhängen
  • bei Procon-Ten Hardy-Scheibe wieder zusammensetzen und verschrauben

Auf keinen Fall Gewalt anwenden.

Leichte Hammerschläge nur mit Gefühl. WD40 oder ähnliches kann helfen.

Ein Helfer kann das Lenkrad nach unten drücken, da die Lenksäule federnd vorgespannt ist.

3. Falls nötig: Lenksäule oben lösen

Wenn die Lenksäule nicht sauber auf die Verzahnung geht, kann es nötig sein:

  1. Lenkrad ausbauen.
  2. Instrumenteneinsatz ausbauen.
  3. Lenksäule oben an der Deformationskonsole lösen.
  4. Zwei lange Schrauben SW13 lösen.
  5. Lenksäule ausrichten.
  6. Nach Montage auf Freigängigkeit prüfen.

Wichtig: Die Lenksäule muss danach exakt ausgerichtet werden. Sonst schleift die Lenkung am Mantelrohr oder es entstehen Verspannungen.

4. Lenkgetriebe befestigen

  1. Lenkgetriebe am Fahrzeug befestigen.
  2. Schrauben korrekt ansetzen.
  3. Nicht verspannt festziehen.
  4. Gummilappen wieder montieren.

5. Spurstangen montieren

  1. Spurstangen am Reiter montieren.
  2. Schrauben einsetzen.
  3. Sicherungsblech korrekt umschlagen.

Das Sicherungsblech muss wieder umgelegt werden. Ohne Sicherung besteht Unfallgefahr.

Spurstangenschrauben am besten bei auf den Rädern stehendem Fahrzeug endgültig festziehen, um Verspannungen zu vermeiden.

6. Hydraulikleitungen montieren

  1. Leitungen spannungsfrei ansetzen.
  2. Neue Dichtringe / O-Ringe verwenden.
  3. Anschlüsse korrekt zur Lenkgetriebeausführung wählen.
  4. Hydraulikleitungen am Lenkgetriebe festziehen.

Anzugswert aus der ursprünglichen Anleitung:

  • Hydraulikleitungen am Lenkgetriebe: `40 Nm`

7. Hydraulikbehälter montieren

  1. Hydraulikbehälter mit Halteblech montieren.
  2. Leitungen gemäß Markierung anschließen.
  3. Stutzen nicht verkanten oder abbrechen.
  4. neue Schlauchschellen verwenden.

Hydrauliköl auffüllen und entlüften

  1. Geeignetes Hydrauliköl auffüllen.
  2. Motor kurz laufen lassen.
  3. Bei geöffnetem Ausgleichsbehälter mehrmals von Anschlag zu Anschlag lenken.
  4. Ölstand kontrollieren.
  5. Auf Schaumbildung achten.
  6. Auf Undichtigkeiten prüfen.
  7. Ölstand erneut korrigieren.

Nur geeignetes Hydrauliköl für die Audi-Zentralhydraulik verwenden.

Siehe:

Kontrolle nach dem Einbau

Vor der Probefahrt prüfen:

  • Lenkgetriebe fest verschraubt
  • Verbindung zur Lenksäule korrekt gesichert
  • Spurstangenreiter korrekt verschraubt
  • Sicherungsblech umgelegt
  • Hydraulikleitungen dicht
  • Hydraulikölstand korrekt
  • keine Geräusche beim Lenken
  • Lenkung leichtgängig
  • Lenkung schlägt frei ein
  • kein Schleifen am Mantelrohr
  • keine Verspannung der Lenksäule
  • keine Lecks bei laufendem Motor

Danach vorsichtige Probefahrt durchführen.

Lenkungsspiel einstellen

Falls nötig, kann das Lenkungsspiel an der Einstellschraube am Drehkolbenventil eingestellt werden.

Werkzeug:

  • Ringschlüssel SW10

Nicht einfach „nach Gefühl zudrehen“. Eine zu stramme Einstellung kann die Lenkung schwergängig machen oder beschädigen.

Typische Fehler

FehlerFolge
Falsche Anschlussausführung verwendetLenkgetriebe wird undicht
O-Ringe auf altem Anschlussgehäuse verwendetO-Ringe werden nicht sauber gepresst
Lenksäule nicht korrekt aufgeschobengefährliche Lenkungsverbindung
Sicherungsblech am Spurstangenreiter vergessenUnfallgefahr
Hydraulikleitungen verspannt montiertUndichtigkeit / Leitungsschaden
Falsches Hydrauliköl verwendetUndichtigkeit / Schäden im Hydrauliksystem
Schmutz in offenen LeitungenSchäden an Pumpe und Lenkgetriebe
Lenksäule verspannt montiertSchleifen, Schwergängigkeit, schlechtes Rückstellverhalten
Spurstangen bei hängendem Fahrzeug endgültig festgezogenVerspannungen möglich

Wann lohnt der Ausbau?

Ein Ausbau ist sinnvoll, wenn:

  • das Lenkgetriebe sichtbar undicht ist
  • Öl in den Manschetten steht
  • die Manschetten beschädigt sind und Schmutz eingedrungen ist
  • das Lenkgetriebe überholt werden soll
  • die falsche Anschlussausführung verbaut ist
  • die Hydraulikleitungen ersetzt werden müssen
  • das Lenkgetriebe Spiel oder mechanische Schäden hat

Nicht jeder Ölfilm bedeutet sofort „Lenkgetriebe raus“. Erst Leckstelle sauber lokalisieren.

Anmerkungen

Der Ein- und Ausbau des Lenkgetriebes beim Typ 44 ist sicherheitsrelevant und verlangt sorgfältiges Arbeiten.

Wer sich nicht absolut sicher ist, sollte diese Arbeit einer Fachwerkstatt überlassen.

Siehe auch


*SJM-Autotechnik (externer Link)